Der Handelskrieg der US-Regierung gegen China trifft die deutsche Industrieproduktion, sie schrumpft: Der Trend im produzierenden Gewerbe ist in 23 von 30 Sektoren negativ. Steigende Zölle sowie die wirtschaftliche Abschwächung in China, den USA und vielen anderen Teilen der Welt treffen ganz besonders Länder, deren Volkswirtschaften stark vom Export abhängen, wie Deutschland, Japan und Korea.

Die fetten Jahre der deutschen Industrie sind vorbei

Die Industrieproduktion in Deutschland schrumpft und schrumpft. Die Zahlen für das zweite Quartal waren besonders schlecht. Hier zeigt der Handelskrieg seine hässliche Fratze. Gleitet Europas grösste Volkswirtschaft nun auch insgesamt in eine Rezession?Michael Rasch, Frankfurt8.8.2019, 07:00 Uhr

Noch hat die sich abkühlende Konjunktur die Beschäftigten in Deutschland nicht erreicht. (Bild: Krisztian Bocsi / Bloomberg)

Die fetten Jahre sind in Deutschland vorbei. Am Horizont wachsen seit Monaten dunkle Wolken. Dabei ist Europas grösste Volkswirtschaft in zwei Hälften gespalten: Während es im Dienstleistungssektor robust läuft, steckt die Industrie in einer Rezession. Inzwischen ist die deutsche Industrieproduktion in vier aufeinanderfolgenden Quartalen gesunken. Die Abschläge betragen seit dem dritten Quartal 2018 stattliche 0,9%, 1,1%, 0,3% und nun 1,8%. Droht damit die Wirtschaft zwischen Nordsee und Alpen aufgrund des Handelskriegs zwischen den USA und China bald auch insgesamt in eine Rezession zu rutschen?

Kippt auch der Dienstleistungssektor?

Die sogenannten Einkaufsmanagerindizes, die als guter Frühindikator für die Konjunktur gelten, lassen immer weniger Spielraum für Hoffnungen. Der Einkaufsmanagerindex für das deutsche verarbeitende Gewerbe (Industrie, Bau, Energieerzeugung) liegt mit 43,2 Punkten auf dem tiefsten Niveau seit der Staatsschuldenkrise Mitte 2012. Er notiert damit sogar noch niedriger als der entsprechende Index für die gesamte Euro-Zone, der im Juli bei 46,4 Zählern lag. Werte unter 50 gelten als Indikator für eine schrumpfende Wirtschaftsleistung.

Die deutsche Industrie schwächelt

Der Trend im produzierenden Gewerbe geht weiter nach unten. Es handelt sich zudem um einen Flächenbrand, denn 23 von 30 Sektoren haben negative Vorzeichen. Es ist also mitnichten nur die deutsche Automobilindustrie, in der es Probleme gibt. Immerhin deutet sich bei den Auftragseingängen im verarbeitenden Gewerbe eine Bodenbildung an, wie Marco Wagner, Ökonom bei der Commerzbank, sagt. Dies wecke Hoffnungen auf eine Stabilisierung.

Relativ stabil ist der Dienstleistungssektor, bei dem der entsprechende Einkaufsmanagerindex gegenwärtig bei 54,5 Punkten notiert. Doch selbst bei den Dienstleistungen zeigte sich jüngst ein leichtes Einknicken, sagt Wagner. Die Schere zwischen Industrie und Dienstleistungen klaffe sei langer Zeit sehr deutlich auseinander, so dass sich die Frage stelle, wie lange sich die Dienstleistungen noch dem Abwärtstrend entziehen könnten.

Sinkende Hoffnung auf eine Erholung

Viele Ökonomen rechnen inzwischen damit, dass das reale Bruttoinlandprodukt in Deutschland im zweiten Quartal leicht geschrumpft ist, während es in der Euro-Zone um 0,2%, in Frankreich ebenfalls um 0,2% und in Spanien sogar um 0,5% gewachsen ist. Die offiziellen Zahlen aus Deutschland werden erst kommende Woche veröffentlicht, wenngleich schon inoffizielle Zahlen nach Brüssel gemeldet worden sind. Auch die Aussichten für das dritte Quartal haben sich inzwischen verdüstert, so dass die bisher erhoffte Erholung der Konjunktur im zweiten Halbjahr unwahrscheinlich wird. Laut Robert Lehmann vom Ifo-Institut in München ist derzeit keine Besserung in Sicht.

Doch selbst wenn es in Deutschland im zweiten und im dritten Quartal zu einer jeweils geringfügigen Schrumpfung der Wirtschaftsleistung kommen sollte, wollen Ökonomen noch nicht von einer Rezession sprechen. Zwar erfüllten zwei Quartale in Folge mit einem negativen Bruttoinlandprodukt die Definition einer technischen Rezession, doch eine richtige Rezession sehe anders aus, sagt Wagner von der Commerzbank. Er würde die gesamtwirtschaftliche Schwäche eher als eine Stagnation bezeichnen.

Die Ursachen für die konjunkturellen Probleme in Deutschland und darüber hinaus sind relativ schnell gefunden: Die sich verschärfenden Handelskonflikte, vor allem zwischen den USA und China, drücken längst nicht nur auf die Stimmung bei den Unternehmen, sondern hinterlassen auch tiefe Spuren in den Zahlen. Steigende Zölle sowie die wirtschaftliche Abschwächung in China, den USA und vielen anderen Teilen der Welt lasten vor allem auf der Industrie.

Das gilt ganz besonders für Länder, deren Volkswirtschaft stark vom Export abhängt – beispielsweise Deutschland, Japan und Korea. Auch die Unsicherheit durch den drohenden ungeordneten Brexit spielt eine Rolle, wenngleich aus Sicht vieler Beobachter nur eine untergeordnete. In Deutschland kam als Sonderfaktor vor allem im zweiten Halbjahr 2018 hinzu, dass die Autoindustrie Probleme bei der Umstellung auf das neue Abgasmessverfahren WLTP hatte, was den Absatz über mehrere Monate erheblich belastete.

Zeit für ein Konjunkturprogramm?

Obwohl es in Deutschland immer mehr Unternehmen gibt, die «Gewinnwarnungen» veröffentlichen und den Abbau von Stellen ankündigen, ist der Arbeitsmarkt noch sehr robust. Abgesehen von einem geringfügigen Anstieg im Jahr 2012 sinkt die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland seit einem Jahrzehnt nahezu ununterbrochen.

Im Mai hatte es allerdings mit einer deutlichen Zunahme der saisonbereinigten Arbeitslosigkeit einen Paukenschlag gegeben, wenngleich ein Teil davon auf einen statistischen Sondereffekt zurückzuführen war. Gemessen an den Veränderungsraten sind die Fortschritte beim weiteren Abbau der Arbeitslosigkeit allerdings bereits seit einem Jahr rückläufig, wie die Commerzbank festgestellt hat, und die monatlichen Zuwächse bei der Erwerbstätigkeit lassen bereits seit rund anderthalb Jahren nach. Der deutsche Arbeitsmarkt ist somit zwar weiterhin in einer ausgezeichneten Verfassung, aber längst nicht mehr unverwundbar.

https://www.nzz.ch/wirtschaft/deutschland-industrie-in-rezession-arbeitsmarkt-ist-noch-robust-ld.1500522

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