Kann die neue größte Freihandelszone der Welt Afrika ins Industriezeitalter katapultieren? Nur 16 Prozent der afrikanischen Exporte gehen bisher nach Afrika, in der EU gehen 69 Prozent in andere EU-Länder. Das hat zwei zentrale Gründe. Der erste ist die Infrastruktur. Es ist sehr teuer, Güter innerhalb Afrikas zu transportieren. Die Straßen sind nicht gut. Meist ist es viel billiger, von der EU nach Afrika zu reisen als von einem afrikanischen Land in ein anderes. Der zweite Grund ist, dass die meisten afrikanischen Länder Rohstoffe und Mineralien produzieren, die Afrikaner nicht importieren wollen. Es braucht Industriepolitik, und da spielen, zumindest kurzfristig, auch Zölle eine Rolle. Wichtiger ist aber, dass Länder eine Strategie haben, um junge Industrien zu entwickeln. Am Anfang muss man sie vor zu starkem Wettbewerb schützen. Es könnte passieren, dass sich Afrika nun endgültig von alten Abhängigkeiten befreit? Aber man sollte das Ganze auch nicht übertreiben, es ist ein Anfang. Es könnte die Chance sein, um die Effizienz der eigenen Industrie zu erhöhen.

AFCFTA

Die größte Freihandelszone der Welt soll Afrika ins Industriezeitalter katapultieren.

Auf dem Kontinent fallen fast alle Zölle. Die Erwartungen sind enorm. Aber was bringt der Handelspakt wirklich?INTERVIEW Andreas Sator 

5. August 2019, 12:25

Mehr als eine Milliarde Afrikanerinnen und Afrikaner sind seit einigen Wochen Teil von AfCFTA, des African Continental Free Trade Agreement, der gemessen an der Bevölkerung größten Freihandelszone der Welt. Auf 90 Prozent der Güter fallen die Zölle, für Unternehmer die Reisebeschränkungen. 54 von 55 Ländern des Kontinents sind dabei, Ausnahme ist das autoritäre Eritrea. AfCFTA wird helfen, sagt Ökonom Augustin Fosu, kann aber nur der Anfang sein. Fosu forscht an der Universität Ghana und ist einer der renommiertesten Ökonomen Afrikas. Er war Chefökonom der UN-Kommission für Afrika und beriet den Präsidenten von Ghana.

Eine Textilfabrik im Hawassa-Industriepark in Äthiopien. Afrikanische Länder wollen weniger abhängig von Rohstoffexporten werden. Ein Handelspakt soll dabei jetzt helfen.

STANDARD: Was bringt AfCFTA?

Fosu: Der Handel zwischen afrikanischen Ländern wird stark zunehmen. Das ist der Sinn des Ganzen. Von einem extrem niedrigen Niveau zu einem vernünftigeren.

STANDARD: Nur 16 Prozent der afrikanischen Exporte gehen nach Afrika, in der EU gehen 69 Prozent in andere EU-Länder. Woran liegt das?

Fosu: Das hat zwei zentrale Gründe. Der erste ist die Infrastruktur. Es ist sehr teuer, Güter innerhalb Afrikas zu transportieren. Die Straßen sind nicht gut. Meist ist es viel billiger, von der EU nach Afrika zu reisen als von einem afrikanischen Land in ein anderes. Der zweite Grund ist, dass die meisten afrikanischen Länder Rohstoffe und Mineralien produzieren, die Afrikaner nicht importieren wollen.

STANDARD: AfCFTA ändert das?

Fosu: Nein. Zollbeschränkungen sind nicht das Haupthindernis. Aber wenn der Handel leichter wird, hilft das. Es wird geschätzt, dass AfCFTA den Handel innerhalb Afrikas in nur drei oder vier Jahren um 50 Prozent erhöht. Aber natürlich ist er dann noch immer sehr niedrig.

STANDARD: AfCFTA wurde binnen weniger Jahre verhandelt, der EU-Binnenmarkt entstand mit weniger Ländern und mehr Ressourcen über Jahrzehnte. Wie geht das?

Fosu: Das ist jetzt ein sehr kleiner Start, definitiv. Die Idee gibt es schon lange, aber die Verhandlungen und die Ratifizierung haben nicht lange gedauert, das stimmt. Die große Frage ist, was jetzt passiert. Afrikanische Produkte werden im Vergleich zu jenen aus dem Ausland attraktiver für Afrikaner. Das heißt aber noch nicht, dass sie günstig genug sind, um kompetitiv zu sein. Wenn mehr gehandelt werden soll, müssen afrikanische Länder industrielle Produkte erzeugen. Die werden stark nachgefragt in Afrika.

STANDARD: Manche reden vom Anbruch einer neuen Zeit. Befreit sich Afrika nun endgültig von alten Abhängigkeiten?

Fosu: Es könnte passieren. Aber man sollte das Ganze auch nicht übertreiben, es ist ein Anfang. Es könnte die Chance sein, um die Effizienz der eigenen Industrie zu erhöhen.

STANDARD: Südafrika, Botswana oder Mauritius haben Industrie, andere Länder bestehen großteils aus Subsistenzbauern. Wie passt das alles in einen Handelspakt?

Fosu: Das ist ein wichtiger Punkt und war schon immer ein Problem bei Handelsverträgen. Es müssen Mechanismen gefunden werden, um zu kompensieren. Es braucht Transfers, Hilfe bei der Infrastruktur und der Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Das ist potenziell ein sehr großes Problem.

STANDARD: Ist Freihandel wirklich ein sinnvolles Konzept für teilweise extrem arme Länder?

Fosu: Es braucht Industriepolitik, und da spielen, zumindest kurzfristig, auch Zölle eine Rolle. Wichtiger ist aber, dass Länder eine Strategie haben, um junge Industrien zu entwickeln. Am Anfang muss man sie vor zu starkem Wettbewerb schützen. Das Problem in der Vergangenheit war aber, dass Firmen den Schutz oft zu lange genossen und sich nicht weiterentwickelt haben.

STANDARD: Gibt es Beispiele?

Fosu: Nigeria hat etwa hohe Zölle für den Import von Hühnerfleisch und ihn zu einem Großteil sogar ganz verboten. Ob das bei der Welthandelsorganisation durchgeht, ist aber noch unklar. Mauritius hatte hohe Zölle und unter dem Cotonou-Abkommen freien Zugang zu EU-Märkten. Das hat der Industrie sehr geholfen.

STANDARD: Warum spielen afrikanische Länder nicht am Welthandel mit so wie asiatische?

Fosu: Da kommen wir wieder zu den Transportkosten. Die machen es schwierig mitzuspielen. Das ist, wo AfCFTA relevant wird. Es gibt nun einen viel größeren Markt in Afrika. Auch wenn man nicht für den Weltmarkt produziert, hat man Zugang zu einem größeren Markt in Afrika, in dem der Wettbewerb nicht ganz so hart ist.

STANDARD: Äthiopien oder Ruanda haben ziemliche Erfolge mit ihrer Industrie. Ist das nachhaltig?

Fosu: Ich hoffe. Für eine Eisenbahnstrecke nach Dschibuti, zum Hafen, ging Äthiopien das Geld aus. Das Land kämpft auch gerade mit politischen Konflikten. Ich hoffe, die bremsen die Wirtschaft nicht. Das Urteil steht noch aus.

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